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Der Beginn des erfolgreichen Online-Journalismus

Ich bin ja ein Fan von "House of Cards". Wegen der Intrigen und der politischen Verwicklungen in Washington rund um die Underwoods. Aber "House of Card" sagt auch viel aus über den gegenwärtigen Journalismus und das Verhältnis von Politik und Journalismus, nicht zuletzt Print versus Online.

Das wissend gab mir ein Kollege letztens den Film "Shattered Glass" von 2003, Regie Billy Ray, produziert von Tom Cruise, mit einem brillanten Hayden Christensen in der Hauptrolle und einer ebenso tollen Chloe Sevigny an seiner Seite. Und Melanie Lynskey als heimlich in Glass verliebte Redaktionsassistentin, die genauso schnell Ruhm will wie er. Lynskey spielte 1994 an der Seite von Kate Winslet in "Heavenly Creatures" - leider wurde Winslet berühmt, Lynskey blieb eher ein bisschen im Indie-Sektor stecken und spielte weitere (latent) lesbische Rollen, etwa bei "But I'm a Cheerleader" oder "Coyote Ugly". Schade eigentlich, die Neuseeländerin ist eine echte Entdeckung.

Worum geht's in "Shattered Glass"? Stephen Glass, gespielt von Christensen, ist in Wahington der neue Star am Journalisten-Himmel. Erst 24 Jahre alt schreibt er bereits frei für viele hochklassige Magazine und ist Autor bei "The New Republic", dem Magazin mit dem größten politischen Einfluss in Washington, und Bordmagazin der größten US-Airline.

"Es gibt so viele Angeber im Journalismus", sagt Glass am Anfang des Films. "Das sind Hohlköpfe. Wenn man nur ein bisschen bescheiden ist, sticht man hervor. Journalismus ist harte Arbeit, ja", aber nicht der politische Inhalt mache den Journalismus aus, sondern die Menschen. "Journalismus ist die Kunst, menschliche Verhaltensweisen einzufangen".

Glass' Reportagen sind unterhaltsam, bunt, nah dran an den Menschen und eher zweitrangig politisch. Und ja, er ist bescheiden, achtet auch immer auf seine Kolleginnen und ein gutes Klima in Redaktion, bei möglichen Kontakten und anderen Blättern. Dann gibt es einen Chefredakteurswechsel bei "The New Republic". Und der neue Chefredakteur findet sowohl Glass' Verhalten als auch einige Dinge an seinem neuesten hochgelobten Artikel über ein Hacker-Kid, das bei einer Firma als Sicherheitschef angestellt wird, komisch. Hinzu kommt, dass die Redakteure eines Online-Magazins, die gerne einen Nachdreher der Geschichte veröffentlichen wollen, weil Hacker eher ihr Metier wären, nach und nach mehr Ungereimtheiten an der Story feststellen. Fazit: Stephen Glass entpuppt sich als Blender. Er hat die Hacker-Reportage frei erfunden und Webseiten, Notizen und Nummern von angeblichen Ansprechpartnern gefälscht, seinen Chefredakteur belogen. Der bleibt skeptisch. Und kann schließlich aufdecken, dass 27 von 41 Artikeln von Glass beim "Republic" nicht echt sind oder zumindest teilweise gefälscht sind. Tragisch: Ein junger, ambitionierter Mann, der schnell hoch hinaus wollte im Journalismus. So gar nicht bescheiden, wie er am Anfang sagte. Und mit einem zu genauen Blick auf die Menschen, nämlich dem seiner eigenen Fantasie. "Shattered Glass" ist ein brillanter Thriller, eine gute Abendunterhaltung.

Das wirklich Brisante aber: Die Geschichte des Films beruht auf einem wahren Fall. All das ist echt und wirklich passiert. In Deutschland hat man da sofort den Fall von Tom Kummer 2000 und den jahrelang gefälschten Interviews vor Augen.

Und noch etwas ist an "Shattered Glass" brisant: Wir schreiben das Jahr 1998. Noch nicht viele Menschen sind online, haben vielleicht gerade mal Mail-Adressen. Die Webseiten sehen noch scheiße aus, und Internet-Recherche ist noch was für Nerds. Entsprechend werden die Online-Redakteure des Magazins im Film auch nicht ernst genommen. Doch sie arbeiten von Anfang an wie Journalisten anderer Medien auch: Sie recherchieren und checken Fakten, sie überprüfen Leute und Aussagen, Orte und zeitliche Angaben. Erst dann wird angefangen, an der eigentlichen Geschichte zu arbeiten. Im Film wie in der Realität wurde das Online-Magazin nach der Affäre berühmt, und der hauptverantwortliche Redakteur wechselte zu einem renommierteren Blatt. Mehr noch: Die Affäre Glass ist als Start des Online-Journalismus zu sehen. Für mich gibt es daraus nur einen Schluss: Online war nie anders als andere Kanäle des Journalismus. Wie konnte es dann kommen, dass bis heute teils abfällig auf Onliner geguckt wird, dass sie nicht als "richtige" Journalisten ernst genommen werden, dass man ihnen kein Wissen, keine Recherche und keinen guten Texte zutraut? Dass sie noch länger auf niedliche Katzenvideos und 13-Dinge-Sammlungen für möglichst hohen Clickbait festgelegt sein werden? Wir müssen zurück zum Anfang des Onlinejournalismus. Auch mit der Haltung dahinter. Ganz dringend und zuerst muss das der "Spiegel".

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